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Möwen in der Schweiz: Wieso leben Meeresvögel in Münchenstein?

In der Region Basel kennt man sie gut, sie gehören eigentlich zum Stadtbild, die Lachmöwen. Sie bevölkern das Rheinufer oder tummeln sich in Münchenstein im Park im Grünen. Möwen sind eigentlich typische Meeres- und Küstenvögel. Was machen diese Möwen in der Schweiz?

Möwen sind Meeresvögel…

Möwen sind Meeresvögel – oder «Seevögel». Alle 54 Arten (die Anzahl kann je nach Systematik leicht schwanken) gehören zu derselben Familie, den «Möwenverwandten» oder Laridae. Ihnen am nächsten sind die Seeschwalben Sternidae, und in die weitläufige Verwandtschaft gehören auch die Regenpfeifer, Alken- oder Schnepfenvögel.

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Silbermöwe

… und manche leben in der Schweiz

Wenn wir im Park im Grünen in Münchenstein Möwen sichten, muss es sich nicht unbedingt um Vögel handeln, die auch bei uns brüten. Wenn es im Norden Europas kalt wird und Strände, Böden und Seen zufrieren, finden die Vögel dort weniger Nahrung. Sie sind gezwungen, anderswo zu suchen. Die Schweiz ist wohl ein ideales Winterquartier, denn ihre Gewässer sind im Flachland nur sehr selten von einer Eisschicht bedeckt, und die Menschen lassen die hübschen Vögel in der Regel in Ruhe. Ausserdem hat es hier genug zu fressen – auch wegen der vielen Menschen. Die Überlebenschancen sind in der Schweiz also gut, und deshalb überwintern jährlich auch viele Möwen und andere Wasservögel in der Schweiz.

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Lachmöwen in der Schweiz

Möwen sind flexibel

Kiesinseln in Flüssen und Seen und neu entstandene Sandbänke sind frei von Raubtieren. Solche Biotope sind echte Alternativen zur Meeresküste! Möwen sind flexibel und im Gegensatz zu anderen Wasservögeln weniger an Seen und Flüsse gebunden. So legen sie bei der Nahrungssuche als exzellente Flieger problemlos teils grössere Strecken zu einem Gewässer zurück.

Sind die Winter im Norden und Nordosten Europas hingegen mild, dann nehmen deutlich weniger Möwen die Reise in die Schweiz auf sich. Viele Möwenarten haben gelernt, mit Menschen oder in ihrer Nähe zu leben; sie legen in der Regel die meiste Scheu ab, wirken für Vögel eher cool und distanziert. So bedienen sie sich auf landwirtschaftlichen Flächen gern an Würmern und Bodeninsekten, ja sogar an Sämereien, und folgen den Traktoren wie am Meer einem Fischerboot.

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Mantelmöwe, junge und erwachsene Silbermöwen und ein Steinwälzer finden in einem Fischereihafen einen vergessenen Fisch.


Wenn der Frühling kommt, verlassen die meisten Lachmöwen die Schweiz wieder. Vermutlich überwintern hier an die 40'000 Lachmöwen, genau Zahlen sind momentan leider nicht verfügbar. Laut Vogelwarte steht aber wieder eine grossangelegte Zählung an. Zählen kann man die Möwen eigentlich nur an ihren Schlafplätzen: Sie versammeln sich abends gemeinsam an Seen. Die letzte Schlafplatzzählung stammt noch aus den 1970-er Jahren.

Gab es schon immer Möwen in der Schweiz?

Möwen sind wahre Kosmopoliten. Sie brüten auf allen Kontinenten, sogar an den Rändern der Antarktis! In den Tropen sind Möwen aber deutlich seltener als in gemässigten oder subpolaren Gebieten. Manche Arten wandern im Winter in etwas wärmere Gefilde, die Stärke des Zugs ist jeweils abhängig von der Art oder der Witterung und dem Nahrungsangebot.

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Lachmöwen im Park im Grünen in Münchenstein (Foto: Andi Meier)


Möwen waren in der Schweiz früher sehr selten und Brutkolonien praktisch nicht vorhanden. Ein gutes Dutzend Möwenarten findet gelegentlich als Irr- oder Gelegenheitsgast oder nach Stürmen in die Schweiz. Richtig Fuss fassen konnten in der Schweiz bis ins 19. Jahrhundert offenbar keine Möwenarten.

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Lachmöwe an einem Sandstrand in der Bretagne

Brutkolonien in der Schweiz

1865 wurde im Kanton Sankt Gallen die erste Schweizer Lachmöwen-Kolonie entdeckt. Diese war offensichtlich erfolgreich, sodass zwischen 1925 und 1974 weitere natürliche Verlandungszonen in der Nordostschweiz und am Neuenburgersee kolonisiert wurden. Nach 1965 entstanden weitere Brutgruppen auf neu aufgeschütteten Kiesinseln. 1980 lebten 3800 Paare in der Schweiz! Seither gingen die Zahlen – wie im grenznahen Ausland übrigens auch – wieder markant zurück. Heute leben etwa 500–1000 Paare in der Schweiz.

Warum heissen Lachmöwen Lachmöwen?

Ist ja klar, möchte man meinen, ihr Ruf tönt ja wie menschliches Lachen. Vermutlich ist diese Annahme aber falsch; wenn schon eine Möwe so richtig lachen kann, dann wäre das wohl die Silbermöwe. Die Lachmöwe bleibt beim Rufen viel ernster; auch wenn der veraltete wissenschaftliche Name Larus ridibundus etwas anderes verheisst, nämlich lachende Möwe. Vielmehr dürfte der deutsche Name nicht von lachen sondern von Lache kommen. Eine «Lache» ist ein altes Wort für einen See. Der Name Lachmöwe weist darauf hin, dass Lachmöwen (auch) an Seen leben.

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Rufende Silbermöwe

Der Erfolg der Mittelmeermöwe

1968 kam eine weitere Möwenart hinzu, die Mittelmeermöwe. Früher galt die gelbbeinige Grossmöwe als Unterart der weit verbreiteten Silbermöwe, von der sie auch nicht einfach zu unterscheiden ist – so gibt es auch gelbbeinige Silbermöwen (!). Vor einigen Jahren wurde sie jedoch als eigenständige Art beschrieben. Bis in die 90-er Jahre vermehrte sich die Mittelmeermöwe in der Schweiz nur sporadisch und langsam, ab 1997 ist die Population stark und stetig angewachsen auf heute etwa 1400 Paare. Die Silbermöwe breitete sich nun über das ganze Mittelland aus.

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Mittelmeermöwe (Foto: Andi Meier)


1994 brüteten am Genfersee die ersten Silbermöwen auf Hausdächern! Ein hohes steinernes Haus bietet wohl ähnliche Verhältnisse wie eine felsige Steilküste. Nach der Jahrtausendwende wurden noch weitere Mittelmeermöwenpaare auf Hausdächern beim Brüten beobachten, zunächst waren es einzelne Paare, später wuchs im Waadtland eine Möwenkolonie auf einem Flachdach auf 45 Paare an!

Heute brüten Lachmöwe und Mittelmeermöwe in der Schweiz fast nur noch auf vom Menschen gefertigten Strukturen wie Häusern, Dächern oder Aufschüttungen. Die Mittelmeermöwe ist sehr dominant und konkurrenziert am Brutplatz die Lachmöwe. Diese muss immer häufiger ausweichen. Beide sind jedoch gut an die dynamischen Lebensräume der Zivilisation angepasst und können flexibel reagieren.

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Junge Mittelmeermöwe (Foto: Andi Meier)

Fortpflanzung bei den Möwen

Die meisten Möwenarten nisten in grossen, oft dicht gepackten und sehr lauten Kolonien. Innerhalb der Kolonien verteidigen sie winzige Reviere. Die Partner scheinen über die Jahre recht monogam zu sein, wenn auch nicht streng.

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Die Umgangsformen in einer Silbermöwenkolonie sind nicht immer die besten.


Üblicherweise legen die Weibchen zwei oder drei gesprenkelte Eier in Nester, die sie aus Pflanzenteilen gebaut haben. Die Nester werden von den Erwachsenen erbittert und aggressiv verteidigt, sowohl gegen die unliebsamen nachbarlichen Artgenossen als auch gegen andere Vögel oder Säugetiere. Die Jungen schlüpfen nach 3-5 Wochen und können dann bereits sehen und stehen; sie bleiben jedoch als Nesthocker je nach Art bis zu zwei weiteren Monaten im Nest.

Die grossen Möwen-Arten benötigen bis zu vier Jahre, um ihr Adultgefieder zu erreichen, die kleineren schaffen dies in der Regel in zwei Jahren. Die Bestimmung der Grossmöwen ist deshalb nicht immer ganz einfach!

Möwen leben in der Regel lange: Den verbürgten Rekord hält eine Heringsmöwe mit 49 Jahren.

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Mehr zu Möwen an der Meeresküste auf www.thomasjermann.ch

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Gruppe von Lachmöwen



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