Naturblog

Der Kiebitz, der unbekannte Bekannte


Einige Vogelarten sagen uns mit ihrem Namen, was sie tun. Nehmen wir zum Beispiel den farbenprächtigen Bienenfresser. Was macht der wohl?

Na klar – der frisst sicher Bienen und vielleicht auch andere grosse Fluginsekten. Und der Austernfischer? Seine Leibspeise sind offenbar Austern, also schmackhafte Muscheln, die auch Feinschmecker als Delikatesse schätzen. Und der Eichelhäher? So weit, so gut.

Aber nun der Ziegenmelker – was macht denn der? Jetzt wird's schwierig. Kann das wirklich sein, was dieser nachtaktive, und fast nur noch im Sommer im Wallis und im Tessin brütende Vogel machen soll?

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Ziegenmelker (Foto: 123rf.com)


Kaum. Zu seinem Namen ist er wegen einem alten Volksglauben gekommen, nachdem er nachts Ställe besucht haben soll, um den Ziegen Milch auszusaugen. Da er zur grossen Familie der Nachtschwalben gehört, wäre es für uns verständlicher, wenn man ihn auch so nennen würde.

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Kiebitz (Foto: Andi Meier)


Nun fragt ihr euch aber sicher, was das mit dem Kiebitz zu tun hat. Eigentlich sehr viel. Denn auch sein Name sagt uns etwas. Allerdings hat er nichts mit seiner Nahrung zu tun, die aus Würmern, Schnecken, Insekten, Spinnen und daneben auch Grünpflanzen und Sämereien besteht.

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Zilpzalp (123rfcom)


Sondern der Kiebitz trägt wie der Kuckuck, der Uhu, der  Stieglitz oder der Zilpzalp, und noch eine ganze Reihe weiterer Vogelarten, einen sogenannten lautmalerischen Namen. Oder mit anderen Worten: Sie alle heissen so wie sie singen oder rufen.

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Kuckuck (123rf.com)

Auch der Kiebitz heisst so wie er ruft

Denn er ist in der Tat ein sehr ruffreudiger Vogel, dessen häufige, unverwechselbaren, scharf klingenden "kiju-witt"-Rufe ihm seinen Namen gegeben haben. Hat man sie einmal gehört, wird man sie immer wieder sofort erkennen, was bekanntlich bei den meisten Vogelgesängen viel schwieriger ist.

Will man Vogelgesang mit Worten beschreiben, versagt unsere Sprache schon bei einfachsten Lautäusserungen kläglich. Das gilt auch für die relativ einfachen Rufe des Kiebitz. Ich denke es ist deshalb viel ehrlicher, wenn wir uns im Internet umschauen, wo viele Hör- und Filmbeispiele über unseren Jahresvogel abrufbar sind. Besonders empfehlenswert ist das eindrückliche fünfminütige Portrait auf der Homepage von BirdLife Schweiz, dem Schweizer  Umweltschutzverband, dem auch unser Verein indirekt angeschlossen ist. In diesem Video lernen wir den charismatischen Vogel, der zur Familie der Regenpfeifer gehört, näher kennen.

Seine Stimme und sein wunderbares gelb über grün bis violett schillerndes Gefieder und seine kecke Federholle, die beim Weibchen etwas kürzer ist als beim Männchen, aber auch sein spannendes Verhalten erklären uns, weshalb der Kiebitz früher, als seine Lebensräume in der Schweiz noch intakt waren, so viel Bewunderung und Aufmerksamkeit erfuhr.

Legenden

Kievitz, Giwix, Giriz, Gewitz und weitere Namen, die ihm die Landbevölkerung früherer Jahre gab, sind sämtliche von den klingenden Rufen des Kiebitz abgeleitet. Heute begegnen sie uns teilweise noch als Flurnamen. Wer regelmässig auf Vogelbeobachtungstour geht, verbindet Giriz zum Beispiel mit Gegenden am Klingnauerstausee oder der Stillen Reuss bei Rottenschwil.

Es erstaunt auch nicht, dass der damals noch weitverbreitete Vogel im Volksglauben hohe Wertschätzung erfuhr. Wie die Feldlerche und der Star galt der Kiebitz als Verkünder des nahenden Frühlings. Wer seinen ersten Ruf hörte und Geld im Sack hatte, war sicher, das ganze Jahr über genügend davon zu haben. Dem Kuckuck trauen wir bis heute das Gleiche zu. In einigen Regionen galt der Kiebitz, wie der Steinkauz, aber auch als Totenvogel. Dort interpretierte man seine "kiju-witt"-Rufe als Aufforderung "Komm mit".

Der unbekannte Bekannte

Und heute? Die Zeiten haben sich geändert. Die Legenden haben ihre Faszination teils verloren, und der Kiebitz kämpft inzwischen bei uns ums Überleben. Er ist zum unbekannten Bekannten geworden. Denn sein klingender Name ist uns zwar allen bekannt. Doch Hand aufs Herz - wer hat ihn schon einmal beobachten und zum Beispiele seine akrobatischen Flugkünste bewundern können? In meinen Exkursionen ist es oft nur jede zehnte Person. Traurig - nicht wahr.

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Kiebitz (Foto: 123rf.com)


Dies ist auch der Grund weshalb BirdLife Schweiz den eleganten und faszinierenden Watvogel zum Vogel des Jahres 2019 gewählt hat. Er lebte einst in grossen Zahlen in Feuchtgebieten, hauptsächlich Feuchtwiesen, die im Lauf der Jahrzehnte ab der Zwischenkriegszeit bis in die Mitte des 20. Jahrhundert zugunsten ertragreicher Anbauflächen systematisch entwässert wurden.

Obwohl die Vögel flexibel genug waren fürs Brutgeschäft ins Ackerland auszuweichen, erlitten die Bestände durch die Intensivierung der Landwirtschaft, zu der auch das Spritzen von chemischen Pflanzenschutzmitteln gehörte, dramatische Verluste. Im Jahr  2005 dürften in unserem Land maximal noch 83 Paare gebrütet haben.

Schutzprojekte als letzte Chance

Angesichts dieser bedrohlichen Entwicklung starteten damals BirdLife Schweiz und die Vogelwarte Sempach in Zusammenarbeit mit Landwirten eine Reihe von Schutzprojekten, um den Kiebitz vor dem Aussterben zu retten. Dabei ging es vor allem darum, die am Boden brütenden Vögel, deren Eier und Junge während der Brutsaison mit Elektrozäunen vor der Zerstörung durch Landmaschinen und vor Feinden zu schützen und die Jungen durch einfache Bodenaufwertungsmassnahmen vor dem Verhungern zu bewahren.

Dank dieser Schutzbemühungen erhielt unser schillernder Regenpfeifer die dringend nötige Überlebenschance. Vergangenes Jahr zählte man bereits wieder etwas mehr als 200 Brutpaare. Es bleibt aber noch viel zu tun, weil dieser Bestand längst nicht ausreicht, damit die unter Druck stehende Art ohne unsere Hilfe längerfristig überleben kann.

Bodenbrüter und Nestflüchter

Als Bodenbrüter in offenem Landwirtschaftsgebiet ist der Kiebitz viel stärker gefährdet als beispielsweise ein Baumbrüter im Wald. Es verwundert deshalb nicht, dass er sich zur Fortpflanzungszeit gern in Brutkolonien zusammenschliesst, in denen die Vögel sich gegenseitig bei der Abwehr von Feinden unterstützen können.

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Kiebitz mit Jungen (Foto: 123rf.com)


Dazu kommt, dass die Jungkiebitze nach einer Brutdauer von 26-29 Tagen als sogenannte Nestflüchter auf die Welt kommen. Im Gegensatz zu Nesthockern schlüpfen Nestflüchter mit ausgebildetem Dunenkleid. Ihre Augen sind bereits offen; sie können sofort laufen, sich "verstecken", selbständig Nahrung suchen und aufnehmen und ihren Eltern folgen.

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Junger Kiebitz (Foto: 123rf.com)


Die plüschigen Kiebitzjungen müssen jedoch vom Weibchen regelmässig gehudert (gewärmt) werden. Sind sie auf der Futtersuche, ducken sie sich in den ersten Wochen bei Gefahr regungslos auf den Boden. Das bewährt sich bei natürlichen Feinden, vor allem Greifvögeln, kann aber auf bewirtschafteten Feldern bei Landmaschinen zur tödlichen Falle werden. Deshalb sind die gemeinsamen Bemühungen der Vogelschützer mit den Landwirten wie erwähnt so wichtig.

Hoffen wir, dass unser Vogel des Jahres 2019 eine erfreuliche Zukunft in unserem Land hat.

Tipps

Zum Schluss nochmals mein Hinweise auf die Homepage von BirdLife Schweiz. Dort findet ihr lehrreiches Foto-, Film-, Informations- und Unterrichtsmaterial zum Vogel des Jahres 2019.

Lehrpersonen empfehle ich ganz besonders das 40-seitige "Arbeitsdossier Kiebitz" sowie den einstündigen PowerPoint-Vortrag "Vogel des Jahres 2019: Kiebitz", die beide im BirdLife-Shop bestellt oder gleich gratis heruntergeladen werden können.

Steckbrief Kiebitz

Ordnung: Regenpfeiferartige, auch Watvögel oder Limikolen (Charadriiformes)

Familie: Regenpfeifer (Charadriidae)

Artname wissenschaftlich: Vanellus vanellus (Linnaeus, 1758)

Artname deutsch: Kiebitz

Artname französisch: Vanneau huppé

Artname italienisch: Pavoncella

Artname rätoromanisch: Vanel

Artname spanisch: Avefría europea

Artname englisch: Northern Lapwing

Artname volkstümlich: "Riedschnepfe", "Riedstrandläufer", "Feldpfau", Kievitz, "Gibiz", "Gifiz", "Giwix", Giwix, Giriz, Gewitz, etc. (lautmalerisch)

Körpergrösse: 28–31 cm

Flügelspannweite: 82–87 cm

Gewicht: 128–330 g

Geschlechter: Männchen und Weibchen sind gleich gefärbt; die Weibchen meist etwas heller und mit etwas kürzerer Federholle

Verbreitung: Die Brutgebiete liegen in Eurasien und erstrecken sich von Europa über die Türkei, den Nordwesten des Iran, Kasachstan, Süd- und Ostsibirien und die Mongolei bis nach Nordchina. Die Überwinterungsgebiete liegen südlich dieser Brutgebiete im Mittelmeerraum, im Vorderen Orient, in Nordindien, Südostchina, Korea und Südjapan

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Kiebitz Verbreitung (Wikipedia commons)


Lebensraum: Riedflächen, Wiesen, Weiden, Ackerland; seltener Ruderalflächen (Ödland). Typischer Bewohner offener, baumarmer, wenig strukturierter Feldflur, mit einer Vorliebe für Bodenfeuchtigkeit und geringe Vegetationshöhe

Zugverhalten: Zugvogel, Tag- und Nachtzieher; längste Zugstrecken bis 6'000 km

Frühjahrszug: Februar bis Anfang April

Herbstzug: Ende September bis Anfang Dezember

Nahrung: Kleine Bodentiere wie Würmer, Schnecken, Insekten, Spinnen; daneben auch pflanzliche Nahrung und Sämereien

Nest: Am Boden oder leicht erhöht; flache Vertiefung, mit trockenem Pflanzenmaterial ausgelegt

Gelegegrösse: 4 Eier (ausnahmsweise 2, 3 oder 5) Legebeginn oft schon im Februar

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Kiebitz-Eier (123rf.com)


Brutzeit: Mitte März bis Ende Juni

Brutdauer: 26–29 Tage; das Paar brütet

Küken: Nestflüchter. Beide Partner beteiligen sich an der Aufzucht; das Weibchen hudert (= wärmen, unter die Flügel nehmen), das Männchen hält Wache; bei Gefahr versucht ein Altvogel potenzielle Feinde wegzulocken (Verleitverhalten) während die Küken sich sofort zu Boden drücken; nach 35-40 Tagen sind sie flügge, das heisst sie können fliegen

Jahresbruten: 1; Ersatzgelege bei Verlust sind möglich

Alter: Älteste beringte Vögel 1x knapp über 25 Jahre, 2x knapp unter 25 Jahre

Gefährdung: Vom Aussterben bedroht (zweithöchste Gefährdungsstufe auf der "Roten Liste Brutvögel der Schweiz")

Feinde: Fuchs, Hermelin, Steinmarder, Greifvögel, Falken, Krähen

Bestand Schweiz: 140–180 Brutpaare (2013-2016)

Bestand Europa: 1,59–2,58 Millionen Brutpaare (2015)

Bestand weltweit: 5,6–10,5 Millionen Tiere (2012)

Möchtest du diesen Bericht ausdrucken? Du findest den Bericht über den Kiebitz hier zum Download.

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